Stuttgarter Medienkongress 2015

mEDiEN - paradiesische Zeiten?

17.11.2015

Digitale Torwächter zum Medienparadies

Wie erfinden Medien sich neu in der digitalen Medienwelt – herrschen hier „paradiesische Zeiten“? Das war das Thema des Stuttgarter Medienkongresses, der zum sechsten Mal gemeinsam von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und der Hochschule der Medien (HdM) organisiert wurde. Mit rund 250 Teilnehmern und über
30 Referenten blickte der Medienkongress auf die Zukunft des Journalismus und neue Formen des crossmedialen Storytelling, präsentierte die Erlebnisplattformen der digitalen Welt und zeigte, wie die „Generation Youtube“ Medien nutzt und neu entdeckt.

Den Eingangsfilm zum Stuttgarter Medienkongress 2015 lieferte stufe - das Webcast TV der Hochschule der Medien (HdM):

 

In seiner Eröffnungsrede warnte Thomas Langheinrich vor einer von Algorithmen geprägten „Wohlfühlwelt“. In der erhalte der Nutzer permanent auf ihn und seine Vorlieben konfektionierte, personalisierte Häppchen, die ihn unterhielten oder die ihn so informierten, dass seine Meinung bestärkt werde. Natürlich sei das Netz in besonderen Situationen, wie es die aktuellen Anschläge zeigten, auch wichtige Nachrichtenquelle, und so ließen sich spontane Initiativen der Zivilgesellschaft schnell verbreiten. Allerdings bedürfe es auch heute, und vielleicht angesichts der Zuspitzungen und der „Datenblase“ im Netz mehr denn je, einer journalistischen Berichterstattung mit einer Einordung und Überprüfung der über das Netz verbreiteten Meldungen, so der Präsident der LFK.

Eine Meinung, die auf dem mit Thomas Langheinrich (LFK), MP a. D. Kurt Beck (Friedrich-Ebert-Stiftung), Peter Kloeppel (RTL), Kurt Sabathil (Schwäbisch Media), Achim Voeske (antenne 1) und Markus Schöberl (HdM) hochkarätig besetzten Podium geteilt wurde. Der Journalismus sei herausgefordert, neue Wege zu gehen und gleichzeitig bedroht durch die Erosion bisheriger Geschäftsmodelle. Für die regionalen Medien sei es wichtig, die regionale und lokale Berichterstattung weiter zu stärken. Für die Presse spielen auch Bezahlschranken für hochwertige journalistische Inhalte eine immer größere Rolle. „Die LFK setzt im Rundfunk auf unterstützende Anreizregulierung für bundesweite TV-Sender, die sich eine journalistische Berichterstattung leisten. Im regionalen Bereich müssen die TV-Sender dort eine Förderung erhalten, wo es ein offensichtliches Marktversagen gibt“, so der Präsident der LFK.

 

 

Markus Schöberl, Student an der Hochschule der Medien (HdM) und „Digital Native“ zückt mittlerweile seltener sein Smartphone, um sich zu informieren, sondern schaut vermehrt auf seine Smartwatch am Handgelenk. Er verweist auf die Bedeutung der sozialen Netzwerke und der Netz-Journalisten, um relevante Informationen zu erhalten und vermisst hier innovative Ansätze bei den klassischen Medien.

 

Impulsvortrag

Wichtige Kennzahlen zur Mediennutzung lieferte der Direktor des Hans-Bredow-Institutes, Uwe Hasebrink. Auch wenn Jugendliche sich quasi permanent im Internet bewegten, sind das Fernsehen und das Radio bei ihnen bei weitem nicht abgeschrieben. Allerdings geht ihre Aufmerksamkeit zunehmend auch zum Second Screen, zum Zweitbildschirm. Insofern wäre es immer wichtiger, Zielgruppen mit speziellen Inhalten über deren Kanäle zu adressieren. „Es gibt keine Trennlinien, sondern vielmehr Verbindungslinien“, skizzierte Hasebrink.
Seinen Vortrag können Sie hier einsehen und herunterladen.

 

Keynote

Einen ganz neuen Weg für die Musikwirtschaft präsentierten Andreas Läsker, Manager von „Die Fantastischen Vier“ und Marco Winkler von SKY Media mit einer Medienkooperation und 360 Grad Kampagne für die Band und die neue Technik Ultra HD unter Nutzung aller digitalen Ausspielwege.

 

Best Practice in den Panels

In den vier Panels am Nachmittag ging es um neue Erlebnisplattformen, in denen zunehmend das reale und das digitale Erleben miteinander verschmelzen, um das Storytelling in den Medien, um Werbung in Zeiten kurzer Aufmerksamkeitsspannen und um die neue Bedeutung der Heimat als Bezugsort für Serien und lokale Medienmacher.

Im Panel „Shares & Likes“ präsentierten Hans-Dieter Hillmoth (Radio/Tele FFH) den Radioplayer, Tobias Köhler (Südwestdeutsche Medienholding) die Nachrichten-App „S-Vibe“ und Steffen Koch das neue Portal „clue4you“ als
Beispiele für die neuen Pathfinder auf dem Weg ins Medienparadies. Nach Ansicht des Netzexperten Holger Schmidt vom Focus dominiert Facebook derzeit das News-Sharing. Jedoch sind die Auswahlkriterien nicht journalistischer Natur, sondern basieren auf einem Algorithmus. „Wer es nicht auf den Homescreen schafft, hat ein Problem. Und je kleiner der Bildschirm, desto weniger Leitmedien werden relevant“, befürchtet Holger Schmidt. Plattformen sind heute das Tor zum Nutzer, man darf sich aber weder als Nutzer noch als Medienmacher von einer Plattform abhängig machen, Journalismus und kuratierte Angebote sind weiter gefragt, so das Fazit des Panels und des Kongresstages.

 

Besucher-Umfrage

Was ist Ihr persönliches Medienparadies?

Die Studenten der HdM fragten die Besucher nach ihrer Meinung - und bekamen sehr viele unterschiedliche Antworten.

 

Mein Medienparadies ist...

"immer die passenden Inhalte für eine Situation"

"die unbegrenzten Möglichkeiten in der Medienproduktion, die sich einfach auf einen Laptop transportieren lassen"

"eine freie Medienwelt, in der alles möglich ist - solange die Rechte anderer respektiert werden"

"Medien sollten sich mit den Menschen verbinden, die ich mag, aber mir auch gleichzeitig Freiraum und Privatsphäre lassen"

"mehr mittelständische Medienunernehmen ohne Verflechtungen und komplizierte
Gesellschsfterstrukturen"

"Gute und spannende Inhalte jederzeit und überall abrufbar und ohne Werbung"

"ohne Technik, ohne installieren, ohne Abstürze"

"Freiheit, Bequemlichkeit und Innovation, aber vor allem Datenschutz"

"nicht wie eine paradiesische Idylle, sondern wie eine vielfältige, lebendige, innovative Medienlandschaft, die den kommunikativen Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen gerecht wird und die auch nicht ausschließt"

"eine Kombination von qualitativen Social Media und Printkanälen"

"wenn Print und Digital die vierte Gewalt im Staat bilden"

"wenn Til Schweiger und Helene Fischer zusammen im Tatort spielen"

"das enorme Ausmaß an Kreativität, der künstlerische Aspekt und die vielfältigen Möglichkeiten"

"der schnelle Überblick, der gut recherchierte Hintergrund - jeder findet, was er sucht"

"wenn wir in allen Bereichen so informiert werden, dass wir uns eine Meinung bilden können"

"der Einklang von beruflicher Erfüllung mit privatem Glück durch Familie und Freunde bei bestmöglicher Gesundheit"

"auf Informationen und Daten immer und überall zugreifen zu können mit der Gewissheit, dass meine Daten sicher sind"

"sichere Informationsquellen"

"Nachrichten spiegeln die Gesellschaft - wo sollen Medien hier das Paradies finden?"

"die gesamte Vernetzung der unterschiedlichen Mediengattungen"