Update aus der Medienwelt

Was sind die Trends in der Medien-Brauereien, welche CRAFT MEDIA Kreation muss man kennen? Die Referenten und Referentinnen des Stuttgarter Medienkongresses gehen in ihren Artikeln auf die Details ihrer Vortragsthemen ein und liefern Hintergrundwissen für die Praxis.

 

Bots und ihre vielen Gesichter - Freund oder Feind?

Man kann sie nicht sehen und doch begegnen sie einem überall in der digitalen Welt: Bots, kurz für Robots, sind Computerprogramme, welche wiederholende Aufgaben automatisiert abarbeiten. Dabei erfordern diese Computerprogramme keinerlei Interaktion eines menschlichen Benutzers. Und wie im richtigen Leben gibt es zwei Bots-Charaktere, nämlich gutartige und bösartige.

Die gutartigen Bots befolgen das Robot Exclusion Standards Protokoll. Dieses sorgt dafür, dass Webseitenbetreiber das Verhalten eines Bots bis zu einem gewissen Grad beeinflussen können, beispielsweise, indem bestimmte Bereiche für Bots gesperrt werden. Data Bots, wie Siri oder Google Home, versorgen den Nutzer in Echtzeit mit Updates zum Wetter, Nachrichten, Sport oder dem aktuellen Börsenkurs. Im Onlinehandel werden Trader Bots  beispielsweise von Amazon oder Ebay eingesetzt, um den Wettbewerb zu sichten oder ein Ranking zu beeinflussen.

Spider Bots, wie Google oder Bing, prüfen Suchanfragen und schlagen passende Webseiten vor. Als letztes übernehmen Chatbots die gesamte Steuerung eines Social Media Accounts oder Profils im Onlinekundendienst von Unternehmen. Diese arbeiten hierbei mit vordefinierten Schlüsselwörtern, Fragen sowie Antwortbausteinen. Insgesamt erzielen alle gutartigen Bots als positiven Effekt besonders eines: eine Zeitersparnis beim Nutzer.

Allerdings ist die Befolgung des zuvor genannten Robot Exclusion Standards Protokolls freiwillig. So kommt es auch zum Einsatz von bösartigen Bots, welche negative Konsequenzen hervorrufen können: So werden bösartige Bots häufig zum Sammeln von E-Mail-Adressen für Werbezwecke genutzt. Zur Kategorie der Spam Bots gehört zudem das automatisierte Verfassen von (unerwünschten) Nachrichten und Kommentaren unter Artikeln und Blog-Posts. Weiterhin werden 'Scrapers' eingesetzt, um massenhaft Content zu klauen und anschließend mit Abwandlungen unerlaubt weiter zu verbreiten. Darunter kann jegliche Art von Inhalt fallen: Adressen, Bilder, Texte. In schlimmeren Fällen werden die Bots zum Verbreiten von Malware (Schadsoftware) bis hin zur Spionage und Ausspähung von Sicherheitslücken verwendet, um gezielt auf Server zuzugreifen.

Sofern Bots in sozialen Medien eingesetzt werden, spricht man von Social Bots. Sie können posten, liken, retweeten und kommentieren. Kritisch wird es, sobald für Nutzer nicht erkennbar ist, ob eine reale Person oder ein Fake-Account hinter den Inhalten steckt. Trolle fallen beispielsweise durch Provokationen, Störungen, Beleidigungen sowie die Häufigkeit von Postings auf. Dadurch und durch das Stellen von unpassenden Fragen erschweren sie es Nutzern, Diskussionen zu führen. Ferner beeinflussen Meinungsbots durch ihre Aktivitäten "Trending Topics", das heißt, sie versuchen gezielt die Popularität und die Sichtbarkeit von Themen im Netz zu steigern.

Fake Accounts werden meistens für Kommunikationsguerilla oder Satireaktionen verwendet, zusätzlich verbreiten Spam Bots Fake News. Entsprechend können Social Bots zu einem Vertrauensverlust gegenüber sozialen Medien und einer Gefährdung der Datensicherheit und des Datenschutzes führen. Bei Einsatz von Social Bots kann es außerdem zur Polarisierung und Radikalisierung, aber auch zu Hate Speech kommen.

Nutzer müssen bei all dem aber nicht wehrlos bleiben. Zum einen empfiehlt es sich, die Quelle auf Seriosität und Qualität von Inhalten bei Interaktion zu überprüfen, zum anderen gibt es Tools, wie beispielsweise die Open Source API "Botometer", welche zur Überprüfung der Systeme genutzt werden können.

Text und Illustration:
Marina Köberlein, Hochschule der Medien Stuttgart

Journalismus, Social Media & Demokratie

Lange Zeit galt das Internet als große Hoffnung für die Demokratie. Wenn die Bürger perfekt informiert sind und sich online frei artikulieren und austauschen können, so die Annahme, sollte das die Demokratie revitalisieren. In den letzten Jahren reden wir allerdings häufiger über die Bedrohung der Demokratie durch Hasskommentare, Trolle, Fake News, Populismus und die Polarisierung der Gesellschaft – die Stichworte Trump, AfD und Brexit mögen genügen.

Eine Erklärung für diese Entwicklung liegt in einem sich verändernden Nachrichten- und Informationszugang in Teilen der Bevölkerung. Nicht nur die Jüngeren, auch Mitglieder der Bildungsmitte (inklusive Niedriggebildete) beziehen ihre Nachrichtendosis zunehmend über soziale Medien – allen voran Facebook. Dort aber gelten andere Regeln der Nachrichtenauswahl als in journalistischen Redaktionen. Facebook und Co. erfassen alle Präferenzen ihrer Nutzer (Big Data) und zeigen ihnen Inhalte von Freunden, passenden Medien und sonstigen Akteuren an. Das funktioniert dank leistungsfähiger Algorithmen immer besser. Wenn dazu auch (rechts)alternative Medien wie die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“, „Epoch Times“, die „Sputnik News“ oder „RT Deutsch“ gehören – Facebook, YouTube oder google ist das egal, solange die Nutzer darauf klicken.

Das Resultat ist die von Eli Pariser beschriebene Filterblase: Wir alle sehen auf Facebook überwiegend Inhalte und Nachrichten, die unseren Interessen und Einstellungen entsprechen. Menschen, die sich überwiegend in sozialen Medien informieren, bekommen somit nicht mehr das gesamte Themen- und Meinungsspektrum mit, geschweige denn einen integrierten Überblick über das Tagesgeschehen. Stattdessen sehen sie überwiegend einstellungskonforme Nachrichten und Meinungsäußerungen. Kein Wunder, dass sie den traditionellen Medien nicht mehr vertrauen, wenn deren Weltbild dem eigenen allzu sehr widerspricht. Dass der journalistischen Berichterstattung – auch der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – in den letzten Jahren viele Fehler und Einseitigkeiten nachgewiesen wurden, kommt verschärfend hinzu.

So entsteht bei vielen Bürgern die (Fehl-)Wahrnehmung einer feindlichen und realitätsfernen Lügenpresse. Denn fast alle Facebook-Nachrichten bestätigen ihre politische Meinung, und fast alle um sie herum sagen dasselbe wie sie. Das führt zu einer Erosion der politischen Informiertheit. Und es lässt Bürger glauben, ihr Meinungslager sei das Dominierende – auf Pegida-Deutsch: „das Volk“. Menschen, die sich mit ihrer Einstellung in der Bevölkerungsmehrheit wähnen, äußern ihre Meinung häufiger und klarer. Die Lager schaukeln sich in ihren Filterblasen auf, und die in den dortigen Resonanzräumen geäußerten Meinungen werden immer lauter und extremer.

Auch wenn sich die Anzeichen für eine Polarisierung der Gesellschaft auch in Deutschland mehren, ist es hier noch nicht so weit wie in den USA. Noch immer nutzen die meisten Deutschen traditionelle, nicht-personalisierte Nachrichtenangebote. Ein unabhängiger, weitgehend ausgewogener Journalismus ist das beste Gegenmittel gegen die Filterblase und ihre Gefahren. Journalistische Nachrichten bieten Bürgern einen Überblick über das Tagesgeschehen über politische Meinungslager hinaus. Und nur sie vermitteln – meistens – ein halbwegs korrektes Abbild des Meinungsklimas in der Bevölkerung. Damit schützen sie einzelne Meinungslager vor entsprechenden Fehlwahrnehmungen.

Natürlich kann der Journalismus nicht die einzige Lösung sein. Alle Bildungsträger stehen in der Pflicht, Kinder, Jugendliche und Erwachsene über die Mechanismen im Netz aufzuklären und für die Gefahren zu sensibilisieren. Das wird nicht von heute auf morgen wirken. Damit sind auch die großen Online-Unternehmen wie Facebook, Google und Apple aufgerufen, mit ihren Technologien verantwortungsvoller umzugehen und sich aktiv an der Medienbildung der Bürger zu beteiligen.

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Institut für Kommunikationswissenschaft, Universität Hohenheim

Die digitale Herausforderung - Lernen von der Musikwirtschaft

Die Musikwirtschaft und insbesondere die phonografische Industrie war das Versuchskaninchen in der digitalen Revolution. Keine andere Branche war so früh von den Umwälzungen der technologischen Innovationen und dem damit zusammenhängendem Rezeptionsverhalten betroffen.

P2P-Filesharing hat das bestehende Wertschöpfungsnetzwerk in gesamten Musikwirtschaft, vor allem aber in der phonografischen Industrie massiv infrage gestellt. Nicht mehr der Tonträger war das zentrale Objekt zur Einkommensgenerierung, sondern die Musikschaffenden rückten als Culturepreneure bzw. Artepreneure ins Zentrum der Wertschöpfung. Die Labels mussten sich als Rundum-Dienstleister für Musikschaffende neu erfinden, indem sie kostenintensive Prozesse wie das A&R, die Tonträgerherstellung und den physischen Vertrieb neu organisierten oder ganz auslagerten. Das digitale Geschäftsmodell wandelte sich vom Musikverkauf (Tonträger, Klingelton und Download) hin zur Kontrolle des Zugangs zum Musik-Content durch Musikstreamingportale.

Dadurch aber, dass Verlage und Label weiterhin die Urheber- und Leistungsschutzrechte an Musikwerken bzw.  aufnahmen kontrollieren, gelang es ihnen, die vorübergehend verlorene Kontrolle über die Wertschöpfung wieder zu gewinnen. Musikstreamingportale, die sich am Markt etablieren und durchsetzen wollen, benötigen die Lizenzen von den Verlagen und Labels. Da sie sich Spotify & Co. vor allem die von den großen Rechteinhabern (Majors) verlangten Vorschüsse nicht leisten können, bieten sie im Gegenzug Unternehmensanteile an. Auf diese Weise wurden die Majors und auch die für Indies agierende Lizenzierungsagentur MERLIN Minderheitseigentümer an zahlreichen Streamingservices. Streaming hat zudem den Vorteil für die Labels, dass Musik nicht mehr unkontrolliert verkauft wird, sondern über ein Abo-Modell monetarisiert werden kann. Neue Gatekeeping-Prozesse wie die Kontrolle von Playlists und die exklusive Vermarktung von Künstlern über die Streaming-Plattformen können somit leichter beeinflusst werden. Die Monetarisierung des Musik-Contents erfolgt nun nicht mehr über den Verkauf und Vertrieb von Musik, sondern über gegen verrechenbare Vorschüsse und Lizenzzahlungen. Dabei ist ein großer Musikkatalog mit Musik von vielen Superstars der beste Garant, um vom Musikstreaming auch ökonomisch zu profitieren.

Nach Jahren des Umsatzrückganges in der phonografischen Industrie, wachsen seit 2016 die meisten Märkte wieder, was vor allem auf gestiegene Einnahmen aus dem Streaming-Business zurückzuführen ist. Die Bilanzen der phonografischen Unternehmen haben sich nachhaltig verbessert und weisen nunmehr wieder steigende Umsätze und Gewinne aus. Label und Verlage haben sich im digitalen Ökosystem von Musikstreaming und anderen neuen Formen von Wertschöpfung (Synch-Rechteverwertung, Branding und Sponsoring) gut und nachhaltig eingerichtet und sich quasi neu erfunden. Ein Prozess, den andere Branchen im Medien- und Unterhaltungsbereich noch vor sich haben. Was können diese also von der Musikwirtschaft/Musikindustrie lernen?

1. Den Wandel nicht bekämpfen, sondern proaktiv gestalten und sich nicht von technologischen Innovationen hertreiben lassen.

2. Statt mediale Inhalte zu verkaufen, sollte die Kontrolle über den Zugang zu diesen Inhalten wiedererlangt werden (siehe Spotify, Netflix & Co.).

3. Die Content-Schaffung ist ins Zentrum der Wertschöpfung in allen Kulturindustrien gerückt und diejenigen, die dafür verantwortlich zeichnen, müssen gestärkt werden.

4. Die Dichotomie zwischen aktiver Content-Produktion und passiver Content-Konsumation wurde durch die Digitalisierung aufgebrochen und es haben sich neue Formen der Prosumption herausgebildet (z.B. YouTube, Wikipedia, Crowdfunding), die in der eigenen Wertschöpfung einfließen sollten.

Autor: Prof. Mag. Dr. Peter Tschmuck, Institut für Kulturmanagement und Gender Studies, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien